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Die 2-Wochen-Falle

Aktualisiert: 2. Jan.

An Veränderungen dran bleiben ist Führungsaufgabe

Veränderungen verschwinden im Alltag, wenn Du sie nicht eng begleitest.                                                                                                                                            Bild von Aleksejs Ivanovs auf Pixabay
Veränderungen verschwinden im Alltag, wenn Du sie nicht eng begleitest. Bild von Aleksejs Ivanovs auf Pixabay

Das neue Jahr hat begonnen.

Hast Du Dir auch etwas vorgenommen?

Mehr Sport. Gesünder essen. Mehr Wasser trinken. Auf Alkohol verzichten. Öfter Freunde anrufen.

Wenn wir ehrlich sind, könnten wir viele Vorsätze aus den letzten Jahren einfach wiederverwenden. Nicht, weil sie schlecht waren, sondern weil es uns schwerfällt, neue Verhaltensweisen langfristig und zuverlässig in unseren Alltag zu integrieren.

 

Beobachte Dich mal selbst:

In der Regel sind es zwei Wochen, bis die alte Routine wieder übernimmt.

Und genau dieses Phänomen begegnet Dir 100%-ig auch in Deinem Führungsalltag.

Willkommen in der 2-Wochen-Falle

Lass uns in Deinen Arbeitsbereich schauen.

In der Teambesprechung führst Du gemeinsam mit Deinem Team eine neue Übergabestruktur ein. Alle finden sie gut. Wirklich alle. Sogar die ewigen Skeptiker.

Es wird diskutiert, angepasst, protokolliert, unterschrieben. Du bist stolz, weil Du Beteiligung geschaffen hast.

Du gehst aus der Besprechung raus und denkst:

„Jetzt müsste es doch laufen!?“


Tut es aber nicht.

Denn Ihr landet zwangsläufig in der 2-Wochen-Falle.


Nach etwa zwei Wochen ist die neue Struktur kaum noch sichtbar.

Vielleicht noch nicht komplett weg, aber auf jeden Fall brüchig, unzuverlässig, uneinheitlich.


💡Dein erster Gedanke:

„Wir haben das doch besprochen. Und ich habe es jedem nochmal persönlich erklärt. Sogar mit Beispielen. Was läuft hier falsch?"

💡Dein zweiter Gedanke:

„Mein Team hat einfach keine Disziplin. Die ziehen nicht mit. Ich kann machen, was ich will."


Aber:

Dein Team ist nicht undiszipliniert. Nicht respektlos. Nicht demotiviert.

Nicht schlechter als andere.

Und ganz sicher nicht  grundsätzlich gegen Dich oder gegen die Veränderung.

Dein Team verhält sich ganz normal.

Dein Team ist nicht das Problem

Soweit die unbequeme Wahrheit.

Das, was Du beobachtest, ist kein Widerstand, kein Zeichen von Respektlosigkeit, kein Boykott, keine mangelnde Motivation, keine fehlende Disziplin, kein Führungsversagen.

Es ist der Effekt von Alltag.

Und besonders deutlich zeigt sich das Muster der 2-Wochen-Falle in der Pflege.

Warum?


  • Anna war bei der Teambesprechung dabei, ist aber aktuell krank

  • Markus weiß Bescheid. Als Dauernachtwache hat er aber gerade 7 Tage frei

  • Alex kennt die Neuerung. Aufgrund von Ausfällen übernimmt er aktuell viele Früh-Spät-Wechsel und springt regelmäßig ein

  • Sara war im Urlaub und hat nur gehört, dass „irgendwas anders" ist

  • Lea hat das Protokoll gelesen. Sie arbeitet 40% und ist dann wieder drei Wochen nicht da

  • Nora arbeitet Vollzeit, kompensiert aktuell ständig Ausfälle und weiß kaum noch, woran sie alles denken soll


Pflege arbeitet nicht in Kontinuität, nicht von 9 to 5.

Sondern in Zyklen, Intervallen und mit zahlreichen Unterbrechungen:

  • Schichtblöcke von 7–10 Tagen

  • Mehrere Tage am Stück frei

  • Wechselnde Teamkonstellationen

  • Unterschiedliche Erfahrungskonstellationen

  • Unterschiedliche Dienstzeiten

  • Einspringen und Diensttausch

  • Unterbrechung von Routine durch unplanbare Situationen (Einarbeitungen, Notfälle etc.)

  • Führungskräfte, die nicht freigestellt sind, sondern voll mitarbeiten


Das sind die realen Bedingungen unseres Systems.

So funktioniert das nun mal. Und es bedeutet vor allem eins:

Was du einmal sagst ist schneller wieder vergessen, als Du schauen kannst.


⚠️ Eine wichtige Unterscheidung: Dieser Artikel bezieht sich ausdrücklich auf geplante, gemeinsam entwickelte und grundsätzlich gewünschte Veränderungen. Nicht gemeint sind Konstellationen, in denen Mitarbeitende sich bewusst verweigern, Absprachen aktiv unterlaufen oder Veränderungen grundsätzlich ablehnen. In solchen Fällen liegen meist andere Ursachen und Motive zugrunde, bei denen andere Führungsinstrumente zum Einsatz kommen müssen. Bei der 2-Wochen-Falle geht um Gewohnheiten, nicht um Widerstand.

Das Gehirn ist ein Gewohnheitstier

Die Verhaltenspsychologie kennt dieses Phänomen gut, denn unser Gehirn ist ein Gewohnheitstier.


😓 Neue Verhaltensmuster kosten Kraft und Energie.

😊 Alte Muster laufen automatisch.

Oder anders gesagt:

😓 Neues Verhalten? – Gehirn: „Anstrengend! Lieber vermeiden.“

😊 Bekannte Routine? – Gehirn: „Kenne ich! Mach ich mit links. Liebe ich!“


Hinzu kommt, dass unser Gehirn schneller vergisst, als uns lieb ist.

Die Ebbinghaus'sche Vergessenskurve beschreibt, dass wir bereits nach 24 Stunden rund 50% neuer Informationen vergessen.

Nach einer Woche sind es über 80%, sofern das Gelernte nicht wiederholt, angewendet oder mit Bedeutung verknüpft wird. (vgl. Psychologie Heute, Ausgabe 5/2024: „Die historische Zahl: 1880 – Wie schnell vergessen wir Sinnloses?“ – Ein Artikel über Hermann Ebbinghaus und die Vergessenskurve) 


♥️ Das, was Du mit Deinem Team erlebst, ist also kein Versagen, sondern einfach menschlich.


Dazu kommt: Menschen lernen unterschiedlich. Nicht alle lernen gut über Sprache. Viele Mitarbeitende verstehen Dinge erst durch Tun, durch Wiederholung, durch Beobachtung, und durch eigenes Erleben (Erfahrungen, Fehler machen). Gerade auch dann, wenn Deutsch nicht die Muttersprache ist, reicht „erklären“ allein oft nicht aus.


Übrigens: Auch ich gehöre zu den Menschen, die mit reiner und ausführlicher Theorie wenig anfangen können, wenn ich keinen praktischen Bezug oder direkten Transfer herstellen kann.


Vielleicht sagst Du als Führungskraft auch regelmäßig Sätze wie:

  • „Das ist ganz leicht."

  • „Da musst du einfach nur..."

  • „Komm, ich zeig dir das mal schnell."

  • „Das hast Du sofort drauf.“

  • „Haben die anderen auch hingekriegt."

  • „Ist wirklich kein Hexenwerk.“

  • „Du wirst sehen: Ist überhaupt kein Problem.“


Ich weiß!

Das ist gut gemeint und grundsätzlich auch nicht falsch.

Es soll Mut machen, entlasten, Sicherheit geben.

In der Wirkung kann jedoch auch etwas anderes passieren.

💭 Es können Gedanken entstehen wie:

  • „Wenn das so leicht ist und ich es nicht gleich verstehe, bin ich wohl zu blöd."

  • „Alle anderen können es wohl schneller, nur ich nicht."

  • „Ich darf keine Rückfragen stellen, sonst wirke ich unfähig."

  • „Wenn das schnell und leicht ist, kann ich nicht sagen, dass ich mehr Zeit brauche."


Neben Deinen gut gemeinten Sätzen braucht es daher unbedingt auch

  1. regelmäßige Begleitung,

  2. Wiederholungen,

  3. Gespräche,

  4. eindeutige Vereinbarungen,

  5. Vertrauen und

  6. Geduld,

damit Du Deine Mitarbeitenden dort abholen kannst, wo sie wirklich stehen. Und dafür braucht es vielleicht sogar Einzellösungen - denn selbst nach Monaten können einzelne Mitarbeitende wieder in alte Gewohnheiten zurückfallen.

Führen heißt dranbleiben

Ich weiß, das nervt!

Du denkst: „Wie oft soll ich das denn noch sagen?"

Die unangenehme und ehrliche Antwort: So oft wie nötig.

Denn deswegen bist Du da.

Um zu führen und um zu schauen, ob beschlossene Dinge umgesetzt werden.


Und dazu gehört auch, die gleichen Dinge immer und immer wieder in Erinnerung zu rufen.

Aber - und das ist wichtig! - nicht im Sinne von genervtem Wiederholen. Sondern als bewusstes, geduldiges Dranbleiben, weil Du das als Teil Deines Auftrages siehst.

Veränderung beginnt nicht mit dem einmaligen Beschluss. Sie beginnt, wenn sie als immerwährender Prozess verstanden wird.

Und du bist die Person, die diesen Prozess führt und hält.

Das ist Dein Job.

Was Dir und Deinem Team konkret hilft

Plane von Anfang an Wiederholungen ein

Nicht: „Ich erkläre es und dann läuft's."

Sondern: „Ich erkläre es und plane mindestens X Erinnerungsschleifen ein."

Nutze verschiedene Lern- und Infokanäle

Besprechungen, Aushänge, Übergabebuch, persönliche Gespräche, Teamboard etc.

Aber bitte gezielt! Nicht alles gleichzeitig, nicht alles überall.

Wenn Schranktüren mit Zetteln tapeziert sind, registriert die Infos niemand mehr.

Mach Erfolge sichtbar und werte Erfahrungen aus

Sprich an, was schon funktioniert. Frage nach Erfahrungen. Nicht jede Veränderung bewährt sich eins zu eins im Alltag. Die Erkenntnisse Deiner Mitarbeitenden sind wertvolle Entwicklungsschritte auf dem Weg zu einer neuen Routine.

Schaffe Erinnerungsanker

Checklisten, Bilder/Visualisierungen, klare Strukturen und Ansagen, neue Abläufe.

Sorge für alltägliche Arbeitsbedingungen, die den „alten“ Weg unmöglich machen

Frage nach dem Warum

Wenn etwas nicht klappt, frage:

„Was macht es gerade schwer, die Veränderung umzusetzen?"

Dich sollte ernsthaft interessieren, warum Veränderungen für Deine Mitarbeitenden gerade schwierig sind. Und oft braucht es nur kleine Anpassungen, die die Umsetzung erleichtern.

Nutze Multiplikatoren

Verbündete helfen: Die Kollegin, die oft da ist. Der Kollege, dem alle vertrauen. Die Kollegin, der Veränderungen überhaupt keine Mühe machen.


Doch Vorsicht!  Achte darauf, dass hier nicht die Dynamik einer „heimlichen zweiten Leitung" entsteht. „Die Lea ist ja jetzt der Liebling der Führung. Die soll hier immer mit aufpassen, dass wir alles richtig machen." Das kann also auch nach hinten los gehen. Wenn Du transparent mit der Multiplikatoren-Lösung umgehst, wird Dein Team das aber sicher gerne annehmen.


Deine Führung-To-Go

Und wenn Dir das gerade alles auf den Keks geht, was Du bis hierher gelesen hast, und Du nur willst, dass Dein Team schnell und unkompliziert umsetzt, dann lohnt sich ein weiterer Perspektivwechsel:


❓ Bist du vielleicht selbst mit so vielen anderen nicht-führungsbezogenen Aufgaben beschäftigt, dass es Dich zusätzlich stresst, diese Führungsaufgabe wahrzunehmen, weil Du einfach nur willst, dass alle funktionieren? Welche Aufgaben sind das?


❓ Fühlst Du Dich nicht ernst genommen, wenn Absprachen nicht eingehalten werden?

Warum ist das so?


❓Hast du das Gefühl, dass Deine Autorität in Frage gestellt wird, wenn Deinen Anweisungen nicht Folge geleistet wird?

Warum ist das so?


❓Inwiefern stresst Dich der Gedanke, dass du hinterher sein musst, und Du die Dinge nicht einfach laufen lassen kannst bzw. sie nicht automatisch funktionieren?

Warum ist das so?


Wenn Du willst, mach Dir die Mühe, in die Fragen tief einzusteigen.

Die Antworten geben Dir möglicherweise Hinweise darauf, wie Du Dich in Deiner Rolle erlebst und was Du über andere, über Dich selbst und über Deine Aufgabe als Führungskraft denkst.

Und auch darin liegt EIN Schlüssel dafür, wie gut Dein Team Veränderungen umsetzt.

Deine CARE©-Challenge

Nimm Dir eine Veränderung vor, die du bereits angestoßen hast.

Erinnere Dein Team erneut an die besprochene Veränderung und dann beobachte und begleite ganz bewusst über den Zeitraum von zwei Wochen:


  • Check (klären): Wer setzt es um? Wer noch nicht?

  • Ask (fragen): Was brauchen meine Teammitglieder noch (von mir)?

  • Remind (erinnern): Klar, ohne Vorwurf, freundlich, regelmäßig

  • Evaluate (auswerten): Was verändert sich? Was nicht? Welche Effekte zeigen sich?


Um nicht in die 2-Wochen-Falle zu tappen, sei aufmerksam, was sich wie verändert und was mögliche Stellschrauben für Dich als Führungskraft sind, um die Veränderung zu begleiten.

Mache dann eine „Pause“ von weiteren zwei Wochen und gehe erneut für zwei Wochen in die

CARE-Challenge.

So lernst Du Dich und Dein Team besser kennen, wie Ihr in Veränderungsprozessen „tickt“ und was Ihr braucht, um Veränderungen umzusetzen.

Friendly reminder ♥️

Wiederholung ist keine Schwäche.

Sie ist notwendig und Teil Deiner Arbeit.

Dein Team ist nicht begriffsstutzig.

Es braucht einfach nur Zeit. Plane sie ein.


Führen von Veränderungsprozessen ist wie eine medikamentöse Therapie:

Die Einmaldosis reicht oft nicht aus. Es braucht die richtige Dosierung über einen bestimmten Zeitraum und manchmal auch eine Anpassung der ursprünglichen Therapie, eine Veränderung der Applikationsform oder vielleicht sogar ein anderes oder ein weiteres Medikament.


Wenn du merkst, dass das eines der Themen ist, die Dich gerade fordern, dann ist das kein Zeichen von Versagen, sondern ein Signal, Deiner Führungsrolle wieder mehr Priorität zu geben.

Und wenn Du Lust hast: Jedes Jahr im September findet das Intensivseminar Time Out statt - für Führungskräfte in der Pflege. Sei dabei und gönne Dir zwei Tage Fokuszeit Führung, in denen wir alltägliche Fallstricke gemeinsam bearbeiten.

📌 Alle Infos dazu findest Du hier.


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